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12.Januar 2004
Hamburger Morgenpost







Dezember 2003

"DIE ZEIT"

Hapkido

Niemals der Erste, aber immer der Letzte

Beim Hapkido lernen auch weniger kräftige Menschen, sich selbst zu verteidigen. Die koreanische Kampfkunst trainiert den Körper und macht stark für das Leben.
„Hanna, dul, set, net, tassot…“ Rhythmischer Singsang erfüllt den Raum. 20 Sportler in weißen Kampfanzügen bewegen sich im Takt. Unentwegt zählt einer von ihnen laut bis zehn – auf Koreanisch. Dazu Liegenstütze, runter und hoch, immer wieder und immer synchron. Es ist Mittwochabend und in der Sporthalle am Hamburger Finnmarkring hat gerade das Aufwärmtraining des „Jin Jung Kwan“ Hapkido-Vereins begonnen. Seit 13 Jahren trainiert Uwe Warnecke in Hamburg Schüler in der koreanischen Kampfkunst Hapkido. Der Name, der zunächst befremdlich klingen mag, hat eine konkrete Bedeutung: „Hap“ bezeichnet die Harmonie von Körper und Geist, „Ki“ heißt die Lebens- und Körperenergie, „Do“ steht für den Weg des Lebens und des Lernens. Kennzeichnend für diese Form der Selbstverteidigung sind kreisförmige Bewegungen. Ein „Hapkidoka“ – so nennen sich die Kämpfer – blockt Tritte und Schläge seines Angreifers nicht ab. Er nutzt die Energie des Gegners aus und leitet den Angriff in eine kreisförmige Bewegung um. Holt der Kontrahent beispielsweise zu einem seitlichen Fußtritt aus, kann der Angegriffene diesen Fuß greifen und ihm einen Stoß geben, so dass sich der Angreifer um die eigene Achse dreht, die Koordination verliert und der Tritt ins Leere geht. Bei allen Aktionen kommt es darauf an, den richtigen Moment abzupassen, sagt Warnecke, der den dritten Dan, also den dritten Schwarzgurt trägt. Es habe wenig Sinn, bei einem Angriff gleich drauflos zu schlagen. „Man muss Geduld haben, um die passende Situation zu erkennen und voll ausnutzen zu können“, erklärt der 47-Jährige. Nicht ohne Grund nennt er Hapkido eine „Lebensphilosophie“. Warten bis eine Chance kommt – das sei eines der Prinzipien, die ein Hapkidoka „in alle Bereiche seines Lebens übernehmen sollte.“Um seine Chance effektiv zu nutzen, muss ein Kämpfer in der Lage sein, seine Energie – das Ki – aufzustauen und gezielt raus zu lassen. „Impulsartig die größtmögliche Kraft entwickeln“, erklärt Warnecke das Prinzip.
 Sein Schüler André Pöhler, Träger des ersten Dans, macht es vor. Mit gestrecktem Arm versucht Warnecke seinem Opfer ein imaginäres Messer in die Eingeweide zu rammen. Der wehrt diesen Angriff mit einer kreisenden Handbewegung ab. Dabei knickt er den Arm des Anderen so geschickt ein, dass die Waffe plötzlich gegen den Angreifer selbst gerichtet ist. Das alles geschieht fließend, ohne Anstrengung und „ganz locker“, wie Pöhler sagt. Erst jetzt, für den Bruchteil einer Sekunde, bringt der Schwarzgurt Kraft auf und stemmt das unsichtbare Messer mit einem Ruck in die Rippen des Trainers. „Ziel aller Techniken ist es, den Gegner kampfunfähig zu machen“, sagt Warnecke.  „Und das möglichst effizient“. Ein Leits atz besagt: „Ein Hapkidoka ist niemals der Erste, aber immer der Letzte“.  Er schlägt also nicht zuerst zu, ist aber in der  Lage, eine Auseinandersetzung zu kontrollieren und jederzeit in seinem Sinne zu  beenden.  



Im Unterschied zu den meisten Kampfsportarten sind im Hapkido die Techniken nicht auf bestimmte Tritte oder Schläge beschränkt. Das liegt daran, dass die Kampfkunst nicht primär auf Wettkämpfe ausgerichtet ist. Es gibt keine regelmäßigen Meisterschaften um Medaillen wie beim Judo oder Taekwondo. Dort gehe es darum, sich mit anderen zu messen. Für solche Wettkämpfe sei es notwendig, sich auf Techniken und Regeln zu einigen. Hapkido hingegen gehe mehr vom ursprünglichen Zweck der asiatischen Kampftechniken aus: das eigene Leben zu schützen. Und da ist eben alles erlaubt.  Besonders weniger kräftigen Menschen gibt die koreanische Kampfkunst eine Chance, sich selbst zu verteidigen. Birgit Holtzmann ist 160 Zentimeter groß und wiegt gerade mal 50 Kilogramm. Einen Mann auf die Matte zu werfen, ist für sie kein Problem. „Ich habe gelernt, meinen Körper zu beherrschen“, sagt die 33-Jährige. Die blauen Flecken, die das Training hin und wieder mit sich bringt, gehören halt dazu, sagt die junge Frau und präsentiert ein üppiges Exemplar auf dem Oberschenkel. Mit Samthandschuhen werde niemand angefasst. Trotz Bluterguss steht für sie felsenfest: „Es macht riesigen Spaß! Hapkido hat mir innere Kraft und mehr Selbstbewusstsein gegeben“, sagt sie und ist sich sicher: „Wenn Weglaufen nichts mehr bringt, bin ich in der Lage, mich selbst zu verteidigen.“

Ob sieben oder 70 Jahre – Menschen jeden Alters, so Warnecke, können die asiatische Kampfkunst lernen. Denn die Lehrmethode berücksichtige die körperliche Voraussetzung jedes Einzelnen. „Hapkido ist wie ein Baukasten“, sagt der Trainer. Daraus suche sich jeder Schüler die Techniken raus, die er am besten einsetzen könne. Der eine beherrsche hohe Sprünge und akrobatische Tritte, ein anderer sei spezialisiert auf Würfe. „Ich kann immer nur Legosteinchen zeigen. Das Haus müssen sie damit selber bauen.“ So könne jeder seine eigenen Möglichkeiten voll ausschöpfen. Deswegen sei die Kampfkunst zum Beispiel auch für Behinderte geeignet. „Wer körperlich beeinträchtigt ist, hat vielleicht keine Füße, mit denen er einem Gegner bis an den Kopf treten kann. Dafür kann er andere Techniken lernen und weiterkommen“, sagt Warnecke. Er selbst hatte bereits einen Schüler mit Glasknochen, der im Rollstuhl saß. Auch geistig behinderte Menschen seien in der Lage, Hapkido zu trainieren. „Jemand kann durchaus eine Gelbgurt-Prüfung machen, auch wenn er sich nicht allein die Hose anziehen kann.“ Gemessen wird jeder nur an sich selbst. Was zählt: besser sein als beim letzten Mal.

Von Claudia Wüstenhagen für "Zeit.de"







26.10.1998
"HNA"

 





"fit for fun"
Ausgabe Dezember 1998






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